{"id":144,"date":"2022-01-28T14:57:40","date_gmt":"2022-01-28T05:57:40","guid":{"rendered":"http:\/\/peace-museum.okinawa.jp\/testimony\/?p=144"},"modified":"2022-04-13T14:02:40","modified_gmt":"2022-04-13T05:02:40","slug":"%e6%b4%8b%e8%a3%81%e3%81%8b%e3%82%89%e5%a7%8b%e3%81%be%e3%81%a3%e3%81%9f%e7%a7%81%e3%81%ae%e6%88%a6%e5%be%8c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peace-museum.okinawa.jp\/testimony\/de\/archive\/144\/","title":{"rendered":"Ich werde eine Schneiderin, mein Leben nach dem Krieg"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n<p>Als ich ein kleines M\u00e4dchen war<\/p>\n<p>\u3000Mein Vater war Landwirt und meine Mutter webte Textilien. Ich half meiner Mutter dabei. Wenn ich helfen sage, dann meine ich einfache Sachen, die auch schon ein Kind machen kann, wie z.B. Faden aufwickeln. Meine Gro\u00dfmutter lief mit den Stoffen bis nach Tomari in Naha, um sie zu verkaufen. Vor dem Krieg verdienten die meisten Leute in Kyan, Haebaru ihren Lebensunterhalt mit Weben.<\/p>\n<p>Evakuierung nach Kochiya in Nord-Okinawa<\/p>\n<p>\u3000W\u00e4hrend der Schlacht um Okinawa fl\u00fcchteten wir nach Kochiya, jetzt Matsuda in Ginoza. Wir wurden mit den anderen Leuten aus unserem Dorf evakuiert. Wir stiegen auf einen gro\u00dfen Lastwagen und fuhren dort hin. An unserem Evakuierungsort f\u00fchrten wir unser Leben eigentlich so weiter wie bisher. Weil mein Vater der Dorfvorsteher von Kyan war, wurden wir beim Dorfvorsteher von Kochiya untergebracht. Die Familie hatte viele Felder, sodass wir viel zu essen bekamen und gut versorgt wurden. Der Dorfvorsteher von Kochiya war w\u00e4hrend der Schlacht um Okinawa in die Berge geflohen und dort gestorben. Die Leute sagten, er trug damals einen Kimono, den meine Mutter gewebt hatte.<\/p>\n<p>Heimkehr nach dem Krieg<\/p>\n<p>\u3000Mein Vater wurde gefangen genommen und in das Kriegsgefangenenlager Yaka gebracht. Danach wurde er in eine Internierungslager nach Hawaii verlegt. Nach dem Ende des Krieges zogen wir von Kochiya nach Funakoshi, Tamagusuku und weiter nach Ufugusuku in Ozato. Danach kehrten wir in unser Zuhause in Haebaru zur\u00fcck. Wir zogen mit zwei Familien aus unserem Heimatdorf Kyan zusammen umher. Von unserem Haus in Haebaru war nichts mehr \u00fcbrig. Es war w\u00e4hrend des Krieges niedergebrannt.<br \/>\n\u3000Wir bauten zuerst ein Haus mit Strohdach, dann ein Haus mit einem normalen Dach und richteten uns wieder in Haebaru ein. Eine meiner Gro\u00dfm\u00fctter starb im Krieg. Wie begruben sie an der Stelle wo sie gestorben war, zusammen mit einer Flasche auf die wir ihren Namen geschrieben hatten. Als wir sie sp\u00e4ter abholen wollten, war die Flasche und ihre Gebeine verschwunden.Bis zum heutigen Tag wei\u00df ich nicht, wo ihre \u00dcberreste verblieben sind.<\/p>\n<p>Leben in Kyan und der Wiederaufbau<\/p>\n<p>\u3000Ich habe viel im Haus mitgeholfen, meistens bei der Zubereitung von Mahlzeiten, wie S\u00fc\u00dfkartoffeln d\u00e4mpfen und Suppe kochen. Unz\u00e4hlige Male ging ich in die Berge, um Brennholz zu holen. Auf den Feldern gab es viele S\u00fc\u00dfkartoffelst\u00e4ngel, die trocknete ich und benutzte sie f\u00fcr das Kochfeuer. Wir hatten keine T\u00f6pfe um Tempura zu frittieren. Wir benutzten amerikanische Stahlhelme stattdessen, in denen wir unser Tempura frittierten und a\u00dfen. Wir machten Tempura aus S\u00fc\u00dfkartoffeln. Das \u00d6l war aromatisch und das Tempura k\u00f6stlich. Denkt man heute dar\u00fcber, haben wir wirklich unvorstellbares gemacht. Wir haben das Tempura tats\u00e4chlich mit Motoren\u00f6l frittiert.<\/p>\n<p>Schulleben<\/p>\n<p>\u3000Direkt nach dem Krieg ging die Grundschule nicht bis zur sechsten Klasse, sondern bis zur achten Klasse. Das System wurde ge\u00e4ndert, als ich in die achte Klasse kommen sollte. Aus den Achtkl\u00e4sslern der Grundschule wurden die Erstkl\u00e4ssler der Junior High School. Damals konnte man die Schule abschliessen, auch wenn man nicht wirklich lernte. Es gab zwar auch Hausaufgaben, aber wenn man ein wenig \u00fcbte, konnte die jeder einfach erledigen. Ich lernte viel, weil ich es mir Spa\u00df machte und ich vertrat unsere Klasse bei der Abschlussfeier der Junior High School. Mein Preis war ein Paar Schuhe aus amerikanischer Produktion, aber sie waren zu gro\u00df um sie zu tragen.<\/p>\n<p>Auf der Schneiderschule<\/p>\n<p>\u3000Nach dem Abschluss der Junior Highschool ging ich auf eine Schneiderschule. Ich liebte das Kleider machen und eine Freundin fragte mich, ob ich mit ihr zur Schneiderschule gehen wolle, und wir besuchten sie zusammen. Die Schneiderschule befand sich in Kokuba, Naha. Ich hatte damals keine Schuhe, also machte mir mein Bruder ein Paar Geta-Sandalen aus Holz. Mit diesen Geta in der Hand lief ich barfu\u00df von Tsukazan in Haebaru los. Kurz bevor ich in Kokuba ankam, wusch ich mir die F\u00fc\u00dfe, zog die Geta an und ging zur Schule. Manchmal wurden die Geta schmutzig und ich hielt das f\u00fcr unn\u00f6tig, deshalb lief ich selbst an sonnigen Tagen barfu\u00df bis zur Schule.<br \/>\n\u3000In der Schneiderschule lernte ich unter anderem, wie man Schnittmuster anfertigt. W\u00e4hrend meiner Schulzeit dort, h\u00f6rte ich, dass sich Hosen gut verkaufen w\u00fcrden und \u00fcberlegte mir welche zu n\u00e4hen. Ich hatte aber an der Schule noch nicht gelernt wie man Hosen n\u00e4ht, deshalb zerlegte ich die Hosen meines Vaters als Muster und begann selber Hosen zu n\u00e4hen.<\/p>\n<p>Schneidern als Beruf<\/p>\n<p>\u3000Jeder in meinem Alter in Kyan n\u00e4hte zu dieser Zeit Hosen, weil gesagt wurde, dass sich von der Stange weg verkaufen w\u00fcrden. Ich kaufte eine N\u00e4hmaschine, n\u00e4hte Hosen damit und verkaufte sie in Naha. Als Stoff benutzte ich Weizenmehls\u00e4cke.Ich kaufte die S\u00e4cke und lies sie in einer F\u00e4rberei einf\u00e4rben. Dann n\u00e4hte ich daraus Hosen und verkaufte sie. So sah mein Leben aus. Ich f\u00e4rbte die Hosen so gut wie immer marineblau. Ich n\u00e4hte zwei oder drei Paar Hosen pro Tag. Jeder in Kyan kaufte eine N\u00e4hmaschine, als sie h\u00f6rten, dass das Hosen n\u00e4hen dadurch profitabler wird. Es soll damals ungef\u00e4hr 80 N\u00e4hmaschinen in Kyan gegeben haben.<br \/>\n\u3000Ich kaufte auch eine N\u00e4hmaschine, aber weil ich mir eine teure nicht leisten konnte, kaufte ich eine Fukusuke-N\u00e4hmaschine. Ich fertigte auch gef\u00fctterte Kimono an. Meine Lampen waren immer 22 Uhr nachts an. Danach z\u00fcndete ich Kerzen an, wenn ich die N\u00e4hmaschine benutzte und arbeitete weiter bis Mitternacht. Mit dem Geld, das ich durch den Verkauf von Hosen verdiente, kaufte ich mir wieder neuen Stoff, um neue Hosen zu n\u00e4hen. So sahen mein Tage damals aus.<\/p>\n<p>Ein Blick ins Alltagsleben.<\/p>\n<p>\u3000Zu besonderen Anl\u00e4ssen besuchte ich das Theater und anderen Auff\u00fchrungen. Mit Freunden ging ich regelm\u00e4\u00dfig ins Kino und sah mir Filme wie \u201eKimi-no-na\u201c oder \u201eShiroi-Kyoto\u201c an. Im Nachbardorf Ozato gab es eine Theaterb\u00fchne. Dort sah ich mir St\u00fccke mit den Schauspielern Kotaro Ogimi und Rokuro Takayasu an. Ich habe mit 20 Jahren geheiratet und hatte vier Kinder. Mein Mann war zwei Jahre \u00e4lter als ich. Er war Landwirt und baute S\u00fc\u00dfkartoffeln und Zuckerrohr an. Er besa\u00df kein eigenes Land und pachtete sich Felder, die er bestellte. Sein \u00e4lterer Bruder lebte im Haus nebenan. Es gab damals \u00fcberall brachliegende Felder, auch das Land meines Onkels, der nach Hawaii gezogen war. Eine meiner Tanten meinte, wir sollen uns seine Einwilligung einholen und uns ein Haus auf dem Land bauen. Als ich einen Brief an meinen Onkel in Hawaii schrieb, erhielt ich zur Antwort, dass wir das Land nehmen sollten und er es uns \u00fcberl\u00e4sst.<br \/>\n\u3000Als ich etwa 40 Jahre alt war, begann ich ernsthaft damit, das Weben zu erlernen. Ich besuchte einem Ort, an dem traditionelles Handwerk gelehrt wurde Ich lernte nicht nur dort, sondern auch bei den Webern aus unserer Gegend. Vor allen diese lokalen Handwerker waren sehr gute Lehrer f\u00fcr mich.<\/p>\n<p>Meine Botschaft an die jungen Leute<\/p>\n<p>\u3000Ich m\u00f6chte, dass wir f\u00fcr immer in einer friedlichen Welt leben k\u00f6nnen. Wir d\u00fcrfen keinen weiteren Krieg haben. Es ist zu schrecklich.<\/p>\n<hr \/>\n<p>\u3000Frau Tomiko Nakamura hat ihr Leben dem Weben gewidmet. 1997 wurde sie als traditionelle Kunsthandwerkerin f\u00fcr Ryukyu-Kazuri Textilien anerkannt. Seit ihrer Ernennung engagiert sie sich in der Unterrichtung der traditionellen Webk\u00fcnste.<\/p>\n<p><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich ein kleines M\u00e4dchen war \u3000Mein Vater war Landwirt und meine Mutter webte Textilien. 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