Krieg und neuer AnfangFilmische Zeitzeugenberichte über den Krieg und die Zeit danach

Zurückgelassen auf dem Schlachtfeld

Herr Satoshige Kuba

Geburtsjahr:1935

Geburtsort:Naha

Verstecken statt zu fliehen

 Während des Krieges war ich in der vierten Klasse der Volksschule. Ich sollte zusammen mit meinem Bruder nach Kumamoto evakuiert werden. Ich konnte aber nicht gehen, weil bei der schulärztlichen Untersuchung, eine Magen-Darm-Entzündung festgestellt wurde. Mein Bruder wollte nicht alleine gehen und so beschloss meine Schwester, an meiner Stelle zu gehen und ich blieb zurück in Okinawa. Ich bin das sechste Kind von neun Geschwistern.
 Mein Vater arbeitete in einer Apotheke, aber etwa zwei Jahre vor Kriegsbeginn kündigte er dort und arbeite im Gefängnis von Okinawa. Die Versorgung mit Waren wurde von der japanischen Armee kontrolliert und es gab kaum etwas zu kaufen. Als die Schlacht um Okinawa begann, wurden die Gefangenen entlassen. Die Gefangenen, die nicht nach Hause gingen, wurden mit den Mitarbeitern des Gefängnisses zusammen evakuiert. Im Mai 1945, als die US-Armee bis in unser Gebiet vorstieß, evakuierten wir in einen Bunker in der Nähe des Gefängnisses in Sobe, Naha. Japanische Soldaten erschienen und forderten uns auf den Bunker zu verlassen, damit sie ihn benutzen können. Wir erwiderten, dass wir diesen Bunker für das Gefängnis gegraben haben. Sie zogen ihre Schwerter und riefen: „Seid ihr taub?“ Widerwillig mussten wir den Bunker verlassen.

Flucht nach Süden

 Auf dem Weg nach Süden passierten wir die zerstörte Madambashi Brücke. Wir liefen zwischen den Feldern entlang, als ein Artilleriegeschoß in der Nähe einschlug und die Splitter um uns herumflogen. Mein Vater verhielt sich merkwürdig, meine Mutter und ich liefen um nach ihm zu sehen. Sein Gesicht war zerfetzt, er stürzte zu Boden und verstarb kurz darauf. Wir entschieden uns von der Gefängnistruppe zu trennen und auf eigene Faust zu evakuieren. Da mein Vater gestorben war, weinten wir bitterlich auf unserer Flucht.
 Wir erreichten das Dorf Takara in Yaese. Es war nicht leicht einen Unterschlupf zu finden. Als wir endlich einen gefunden hatten, erschienen wieder japanische Soldaten und vertrieben uns mit den Worten: „Wir brauchen den Bunker für uns selbst“. Wir versteckten uns danach im Gemeindezentrum. Das Gemeindezentrum wurde Abends um 8 Uhr von einer Granate getroffen. Sieben oder acht junge Panzergrenadiere erwischte es direkt. Ihre Gedärme hingen heraus und es war ein grauenvoller Anblick. Mein rechtes Knie fühlte sich heiß an, und als ich es berührte, sah ich Blut an meiner Hand. Hier ist die Narbe, von dem Granatsplitter.
 Weil das Gemeindezentrum zerstört war, fanden wir Zuflucht in einem kleinem Schweinestall. In der Nacht weinte ich vor Schmerzen. Ein etwa vierzehnjähriger Junge trug mich nach Yaesedake zu einer Militäreinheit, wo sie meine Wunde sterilisierten. Aber als ich am nächsten Morgen aufwachte, sah ich bereit Maden in der Wunde. Auch meine Großmutter war getroffen worden und starb am Blutverlust. Mein jüngster Bruder, der drei Jahre alt war starb an Tetanus. In der Nähe eines Bunkers gruben wir ein Loch und beerdigten meine Großmutter und meinen Bruder. Wir legten ein Tür auf das Loch und bedeckten es mir Erde. Meine Geschwister und ich forderten unsere Mutter auf weiterzugehen, weil es wegen der japanischen Einheit in Yaesedake zu gefährlich war. Sie wollte aber nicht mehr weiterlaufen. Ich denke sie war verzweifelt und hatte ihren Lebenswillen verloren, weil ihre Mutter, ihr Mann und ihr jüngstes Kind gestorben waren. Sie war verletzt und lag im Unterstand, aber sie schaffte es aufzustehen und langsam nach Yoza in Itoman zu laufen.
 In Yoza gab es die Yozaga Quelle und der Ort war reich an Wasser. Wir befanden uns gerade neben dem Eingang zu einem Bunker in einer Höhle, als von oben herab ein amerikanischer Soldat sein Gewehr auf uns richtete. Es passierte so plötzlich, dass wir nicht wussten, was wir tun sollten. Ein japanischstämmiger Amerikaner kam als Dolmetscher in den Bunker hinein und erklärte uns, dass wir die Höhle verlassen sollen. Die Amerikaner würden uns nichts antun. Einige der Leute im Inneren der Höhle reagierten darauf und liefen hinaus. Ich ging mit ihnen zusammen nach draußen. Wir wurden in 10er Gruppen aufgereiht und liefen zu einer großen Kreuzung in Itoman. In der Höhle waren mein achtjähriger Bruder und meine fünfjährige Schwester bei meiner Mutter. Ich war wie betäubt aus der Höhle gelaufen und mich hatte so von ihnen getrennt. Wenn ich zurückdenke, bereue ich es, dass ich nicht irgendetwas getan habe, um meiner Familie zu helfen, die in der Höhle zurückgeblieben war.

An Bord des LST (Panzer Landungsschiff)

 Die Leute, die in dieser Gegend gefangen genommen waren, wurden auf ein LST verladen, das vor der Küste an der Nähe des Nashiro Beaches ankerte. Die große Ladeklappe des Schiffes war geöffnet und wir liefen zu Fuß hinein. Ich wunderte mich über das merkwürdigen Schiff mit der offenen Bugklappe. Ich dachte, dass sie uns aufs offene Meer bringen und dann ertränken werden.
Aber sobald wir an Deck waren, fingen die amerikanischen Soldaten an uns Nahrungsmittel zu zuwerfen. Wir hoben sie auf und aßen sie. Ich fand es seltsam, dass sie uns Essen gaben bevor sie uns umbringen und begann zu glauben, dass sie uns vielleicht doch nicht töten werden.
 Sie brachten uns nach Higa-Shimabuku, im heutigen Kita-naka-gusuku. Meine Wunde wurde versorgt und ich blieb dort für zwei, drei Tage. Dann wurde ich mit einem Auto zu einem Hospital in Ginoza verlegt. Das Krankenhaus war ein langes Gebäude von etwa 30 bis 40 Metern. Als ich das Krankenhaus verließ, begann ich nach jemanden zu suchen, den ich kenne. Ich wurde im Krieg von meiner Familie getrennt, aber ich dachte ich würde in der Lage sein Bekannte oder Verwandte zu treffen. Und tatsächlich traf ich auf einen Verwandten bei meiner Suche. Er gehörte zu unserer Verwandtschaft von Tounokura in Shuri und sagte mir, ich soll zu seinem Haus gehen. Er hatte alle drei Enkelkinder im Krieg verloren und ich kam als Waise in sein Haus. Einige Tage vergingen und ich fand eine noch engere Verwandte. Sie war die Cousine meines Vaters, ungefähr so alt wie meine Mutter und sie forderte mich auf, mit ihr zu gehen.

Von den Verwandten aufgenommen

 Mit ihr lebte ich einige Zeit im Internierungslager Sokei in Ginoza. Das Lager befand sich direkt am Meer. Das einzige, woran ich in dieser Zeit denken konnte, war Essen. Die Verpflegungsrationen der Amerikaner reichten nicht aus und ich aß wilde Kräuter, wie Beifuß und essbare Gräser, dazu die Sprossen von Waldfrüchten. Die Sprossen kochten wir und vermischten sie mit den erhaltenen Rationen. So war das damals.

Mit Malaria infiziert

 Zusammen mit vier, fünf Einwohnern von Sokei lief ich zur Müllhalde der US-Armee Es wurde Abends und wir übernachteten in einer selbstgebauten Hütte. Am nächsten Tag gingen wir zurück, nachdem wir alles eingesammelt hatten, was wir für nützlich hielten. Soweit war alles in Ordnung, aber leider hatte ich mich in dieser Nacht mit Malaria infiziert. Mir war kalt und mein Körper fing an zu zittern. Die Großmutter und die Tante hielten mich beide fest, aber das Zittern und die Kälte hörten nicht auf. Ich erhielt Chinin, in Form einer gelben Medizin und war in zwei Tagen geheilt. Die Schule in Sokei war nicht mehr als eine Tafel die an einen Pinienbaum gehängt war. Der Lehrer schieb etwas auf ihr und unterrichtete uns auf diese Weise. Später wurde er mein Klassenlehrer an der Shuri High School. Er unterrichtete Englisch und ich war sehr überrascht, als ich ihn an der Highschool wieder traf. An der Schule in Sokei waren vier oder fünf Schüler. Es gab eine Verteilerstation im Lager. Dort erhielten wir Hemden und Hosen, die aus Mehlsäcken genäht waren. In Tera in Shuri wurden Standardhäuser gebaut. Als ich hinging, um sie mir anzusehen traf ich meine Tante, die jüngere Schwester meiner Mutter und sie nahm mich bei sich auf,

Von Okinawa nach Kume-jima

 Eines Tages kam Herr Hokumura zum Haus meiner Tante. Vor dem Krieg wohnte er bei uns, während er an der an der Lehrerakademie studierte. Er hatte davon gehört, dass ich der einzige Überlebende unsere Familie war. Er war in Okinawa, um die Gehälter für die Lehrer in Kume-jima in Empfang zu nehmen. Er war gut mit meinen älteren Bruder befreundet gewesen. Ich war einige Jahre jünger, hatte aber viel von ihm gehört. Er erzählte, dass Kume-jima nicht so sehr vom Krieg betroffen war und es ausreichend zu Essen gab und lud mich ein, mit ihm nach Kume-jima zu gehen. Ich ging zum Haus unseres Familienältesten, um mich mit ihm zu beraten. Ich hatte meine Eltern und Geschwister im Krieg verloren und es spielte keine Rolle wo ich lebte, deshalb entschied ich mich zu gehen. Unser Familienältester sagte zu mir: „Geh ruhig, wenn es das ist was du tun möchtest“.
 Abschließend bat ich noch meine Tante und eine weitere Verwandte um Einwilligung und lief noch am selben Tag von Shuri nach Itoman. Dort bestieg ich ein Boot nach Kume-jima. Das Boot landete im Hafen von Torishima (ehemals Gushikawa) und ich verließ das Schiff. Nach einem 20 minütigen Fußmarsch erreichte ich das Haus von Herrn Hokamura in Nakachi. Ich kam in die fünfte Klasse der Otake Grundschule. In Kumejima blieb ich, bis zum ersten Halbjahr der ersten Klasse der Junior High School. Sie kümmerten sich dort für etwa zweieinhalb Jahre um mich. Weil ich jeden Tag von früh Morgens an Heu mähte, konnte ich nicht an den Klubaktivitäten teilnehmen, wie meine Freunde. Kinder aus ordentlichen Haushalten wurden von den Älteren unterrichtet und lernten nachmittags. Ich hatte aber keine Zeit zum lernen. Herr Hokumuras Frau war ebenfalls Lehrerin und ihre Schwester war Kindergartenerzieherin. Es gab also drei Lehrer in der Familie. Sie kümmerten sich sehr gut um mich. Obwohl ich eine Kriegswaise war, fühlte ich mich niemals hilflos oder verzweifelt. Ich hatte auch gar keine Zeit, über den Verlust meiner Familie nachzudenken. Ich konzentrierte mich mit aller Kraft auf die Aufgaben die unmittelbar vor mir lagen. Als ich in der sechsten Klasse der Grundschule war, wurde das 6-3-3 Schulsystem eingeführt. Nach Abschluss der Grundschule kam ich direkt in die 1. Klasse der neugebildeten Mittelschule. Ich gehörte zum dritten Jahrgang an der Gushikawa Junior High School

Auf der Suche nach meinen Geschwistern

 In den Sommerferien des ersten Jahres an der Junior High School ging ich zurück nach Okinawa. Vor dem Krieg evakuierten mein Bruder und meine Schwester nach Kumamoto und ein anderer Bruder hatte die Marinefliegerakademie besucht. Ich wusste nicht wo sie waren und ging zu meinen Verwandten in Okinawa, um mich nach ihnen zu erkundigen. Dieser Verwandte meinte zu mir: „Herr Hokumura gehört nicht zu deiner Familie“ „Er hat nur während des Studium bei euch gewohnt“. Er sagte, weil sie die nächsten Verwandten von mir sind, werden sie sich um mich kümmern. „Bleib hier und fahr nicht nach Kume-jima zurück“, forderte er mich auf. Ich blieb dort bis zu meinem zweiten Jahr an der Shuri High School. Kurz vor meinem dritten Jahr, ging ich nach Nagasaki, wo mein Bruder wohnte.
 Mein Bruder arbeitete als Gefängnisaufseher. Nach der Marinefliegerakademie kämpfte er in Nordchina, bevor er nach Japan zurückkehrte. Ich hatte die zweite Klasse der Highschool beendet und sollte die Nagasaki-Nishi High School besuchen. Ich hatte wenig gelernt und meine Kenntnisse reichten nicht aus, um in die dritte Klasse zu gehen. Obwohl ich alt genug war, besuchte ich noch einmal die zweite Klasse. Letztendlich war ich vier Jahre auf der Highschool. Damals war es unmöglich eine Anstellung wie z.B. an einer Bank zu finden, wenn man keine Eltern und keinen Besitz hatte. Ich stritt mich oft mit meinen Lehrern darüber, dass ich als Kriegswaise von Anfang an keine Chance auf dem Arbeitsmarkt hätte. Nachdem Abschluss der Highschool, ging ich jeden Tag zu einer staatlichen Arbeitsvermittlungs-stelle. Ich fand schließlich eine Anstellung als Mechaniker, in der Buswerkstatt der Nagasaki Verkehrsbetriebe. Von Anfang an musste ich Metallarbeiten wie Gas- oder Elektroschweissen ausführen. Dabei verletzte ich mir meinen Rücken. Ich lag zwei Monate im Krankenhaus, aber es wurde nicht besser. Mein Bruder meinte zu mir: „Das geht so nicht weiter, geh zu den Selbstverteidigungskräften und härte dich ab!“. Ich befolgte seine Ratschlag und innerhalb von zwei Jahren wurde ich kräftiger. Nach zwei Jahren hörte ich bei den Selbstverteidigungskräften auf und ging mit drei Kameraden nach Osaka. Ich hatte mir überlegt, in Osaka zu Arbeiten und Abends am College zu studieren. Doch während ich arbeitete, fing mein Rücken wieder an zu schmerzen. Ich fing als Zeitungsausträger an und wohnte im Wohnheim der Firma. In Dotonbori und Sennichimae trug ich die Asahi-Shinbun aus. Als die Shuri High School im Koshien Stadium Baseball spielte, fuhr ich hin um sie zu sehen. Ich wollte in Osaka arbeiten und genug Geld für die Abendschule verdienen, aber der Plan ging nicht auf. So konnte es nicht ewig weitergehen und ich fuhr zurück zu meinem Bruder nach Nagasaki. Er riet mir nach Okinawa zurückzugehen und unser altes Haus zu renovieren. Er sagte, dass es in Okinawa wärmer ist und es mir dort sicherlich besser geht.
 Ich ging zurück nach Okinawa und arbeite auf dem Militärhafen in Naha. Für drei Jahre entlud ich Fracht von US-Militärschiffen. Ein Amerikaner fragte mich einmal: „Du hast deine Eltern und deine Geschwister im Krieg verloren, wie kannst du auf einem Militärstützpunkt arbeiten, wo so viele Amerikaner sind?“. Ich dachte nach und gab ihm folgende Antwort: „Sicherlich, in den ersten Jahren nach dem Krieg in Kume-jima habe ich daran gedacht, meine Eltern zu rächen, selbst wenn ich dabei sterben würde. Aber meine Gefühle haben sich mit der Zeit geändert. Ich kam zu dem Schluss, dass nicht die einzelnen Amerikaner schlechte Menschen waren. Wenn man versteht, dass es ein Krieg zwischen zwei Ländern war, dann hegt man keinen Groll, gegen die einzelnen Personen“. Er hörte meine Antwort und verstand meine Denkweise.


 Bis zu seinem 35 Lebensjahr arbeitete Herr Kuba weitere 10 Jahre für das US-Militär. Danach wurde er Gefängnisaufseher. Beginnend mit den inhaftierten US Soldaten und Militärpersonal war er über 15 Jahre zuständig für die Ausländer im Gefängnis.