Krieg und neuer AnfangFilmische Zeitzeugenberichte über den Krieg und die Zeit danach

Henza und mein Leben nach dem Krieg

Herr Shoukou Okudara

Geburtsjahr:1929

Geburtsort:Henza, Uruma

Gefangennahme während der Evakuierung

 Auf unserer Flucht vom Süden in den Norden wurden wir in Ishikawa angehalten. Ishikawa diente zu diesem Zeitpunkt als Internierungslager für Zivilisten. Wir, die Jugendlichen um die 15, 16 Jahre wurden von den amerikanischen Soldaten besonders beäugt. Wir hätten ja „Kindersoldaten“ seien können. Deshalb bemühten wir uns, während der Evakuierung nicht von den US Truppen gesehen zu werden. Seit jeher gab es die „Gan’ya“ genannten Orte. In ihnen wurden Särge gelagert und eine solche Gan’ya gab es auch in Ishikawa. Ich dachte mir, dass das ein guter Platz zum Verstecken sei. Es erwies sich aber als das genaue Gegenteil. Die Amerikaner kamen, um das merkwürdige Steinhaus zu untersuchen. Statt mich erfolgreich zu verstecken, wurde ich gerade deshalb gefunden und war erst einmal in Schwierigkeiten. Sie fanden mich, zerrten mich heraus und brachten mich in das Kriegsgefangenenlager nach Yaka. Aber nach dem feststand, dass ich nur ein einfacher Jugendlicher und kein Kindersoldat war, brachten sie mich zurück zu meiner Familie.
 Etwas später, Anfang Mai 1945 verhandelte mein Vater mit den Amerikanern und ich konnte auf einem Jeep bis Yakena mitfahren.

Leben in Henza

 Von dort ging es dann den ganzen Mai hindurch zu Fuß nach Henza-jima. Zu dieser Zeit war die Insel Henza, genau so ein ziviles Internierungslager wie Ishikawa. Es müssen sich so um die 120 bis 130 amerikanische Soldaten auf der Insel befunden haben. Sie waren auf dem Gelände der früheren Grund- und Mittelschule stationiert. Bevor ich es wusste, wurde aus der Dorfgemeinde Henza die Stadt Henza, mit einem von den Amerikanern eingesetzten Bürgermeister. Ungefähr 8000 Leute befanden sich damals auf Henza-jima. Die Einwohner der umliegenden Inseln Miyagi und Ikei, waren ebenfalls hier im Internierungslager Henza-jima. Nur die Leute aus Hamahiga blieben auf ihrer eigenen Insel interniert. In Henza-jima waren auch Einwohner von der gegenüberliegende Küste und der gesamten Yokatsu Halbinsel interniert. Die Leute, die aus Naha evakuiert waren, hatten schlimmes durchgemacht. Es gab nichts zu essen und in den Häusern waren alle auf engsten Raum zusammengepfercht. Auf Henza-jima gibt es kaum Felder und keinen Platz für Ackerbau. Lebensmittelmangel war ein großes Problem.
 Da zu dieser Zeit kein Geld im Umlauf war, waren wir auf die Hilfs- und Versorgungsgüter der Amerikaner angewiesen. Es gab eine VerteilerStation. Es wurden Listen für die einzelnen Familien angefertigt. Auf den Listen wurde festgelegt wie viel einer einzelnen Person zusteht und dann nach ihnen die Hilfsgüter verteilt. Die unterschiedlichsten Lebensmittel wurden verteilt. Mehl, Reis und Konserven wurden an die einzelnen Familien ausgegeben. Da es kein Land gab, um selber etwas anzubauen, lebten wir vollständig den Lebensmittellieferungen, die uns die US-Armee zur Verfügung stellte. Diese reichten aber bei weiten nicht aus.
 Ein Ereignis von damals ist mir in Erinnerung geblieben. An der Küste gegenüber in Yakena, gab es noch einige vom Krieg unzerstörte Häuser. Früher waren die Häuser alle aus Holz gebaut, einige mit einem rotem Ziegeldach. Wenn man sie abreißt, dann könnte man die Materialien hier zum Häuserbau benutzen, dachten sie sich wohl. Einige starke Männer zogen los und rissen ein paar Häuser ein. Als sie mit den Materialien in Henza eintrafen, wurden sie von den sogenannten „Rothelmen“, das waren Zivilpolizisten, die von den Amerikanern einberufen und mit roten Stahlhelmen ausgestattet waren, entdeckt und eingesperrt. Ein Gefängnis, das man als solches bezeichnen kann gab es noch nicht und so wurden sie ins Kana’ami gesteckt. Kana’ami heißt Maschendraht und es war ein einfacher Verschlag mit Maschendraht umzäunt.
 Fischen gehen konnten wir auch nicht. Wir fahren ja alle Gefangene und durften uns nicht frei bewegen. Während des Krieges gab eine Guerillatruppe der japanischen Armee, die Kirikomi-tai. Sie führten nachts Angriffe auf die Amerikaner aus. Die Amerikaner dachten, wenn sie die Zivilbevölkerung freilassen, schließen wir uns der Kirikomi-Tai an. Deshalb waren alle Freiheiten wie Fischen und Ackerbau von uns genommen wurden. Zum Glück waren auf Henza-jima keine japanischen Soldaten versteckt. Dann hätte es sicherlich noch viel Schlimmer kommen können. Ich glaube, Henza-jima war unter den kontrollierten Gebieten ein relativ ruhiger Ort gewesen. Gegenüber in Yakena befand sich auf einem Hügel die „Chinesische Einheit“ Dort waren Truppen von Chiang Kai-shek stationiert. Ich habe aber keine Ahnung warum. Außerdem gab auch noch die Niki Raketenbasis in der Nähe von Yohen.

Der Schulalltag an der Maebaru Highschool

 Vor dem Krieg hatte ich die Mittelschule besucht und wurde an der Maebaru Highschool aufgenommen. Eine Schule war es aber nur dem Namen nach. Es gab keine Schulbücher, keine Tische und keine Stühle. Die Lehrer waren auch keine richtigen Highschool Lehrer. Ehemalige Grundschullehrer oder Absolventen der Lehrerakademie. Vielleicht lag es daran, dass wir unter amerikanischer Besatzung waren, so richtig gut war nur der Englischunterricht. Nur die Englischlehrer waren richtig ausgebildet. Wegen des Lehrermangels nach dem Krieg, glaube ich nicht, dass die anderen Lehrer offizielle Highschool Lehrer waren. So waren die Zeiten und natürlich hatten wir auch keine Schuluniformen.
 Was wir nun eigentlich an der Schule gemacht haben? Der Musiklehrer brachte uns Lieder bei und wir absolvierten einfache Turnübungen. So richtigen Schulunterricht hatten wir nicht wirklich. Eine Tafel existierte nicht und die Tische und Stühle ließen ebenfalls zu Wünschen übrig. Aber die Besatzungsmacht hatte die Order an die Schulen herausgegeben, Schüler aufzunehmen und Unterricht zu geben. Diese Umstände hielten bis in das Jahr 1946 hinein an.

Der Vorfall mit der verlorenen Pistole.

 1946 standen dort, wo heute die Yokatsu Mittelschule ist Quonset Wellblechbaracken der amerikanischen Armee. Nachdem die Schule dorthin umgezogen war, kam es zu einem größeren Zwischenfall. Ein Schüler fand in den verlassenen Baracken eine vergessene Pistole und versteckte sie aus Neugier. Das Wohnheim für die Schüler von der Ikei Insel, der Tsuken Insel und anderen kleineren Inseln wohnten, bestand aus Zelthütten. Die meisten der nichteinheimischen Schüler waren dort untergebracht. Es waren Zelte der amerikanische Armee und fünf Schüler teilten sich ein Zelt. Sie waren getrennt nach Jungen und Mädchen. Manchmal kamen amerikanische Soldaten ins Mädchen Wohnheim, um mit ihnen zu schäkern. Dabei bedrohte der Schüler, der die Pistole gefunden hatte, sie mit der Waffe. Am nächsten Tag kam ein Bildungsverantwortlicher der amerikanischen Streitkräfte in die Schule. „Wenn die Pistole nicht herausgegeben wird, schließen wir die Schule“, sagte er und ließ die Schüler antreten. „Wer hat die Pistole?“. Aber niemand meldete sich. Antworten hätte nur großen Ärger bedeutet, deshalb schwiegen wir alle. Als er davon erfuhr, warf der Schüler die Pistole heimlich eine Klippe hinter der Schule, die wir Section Base nannten, hinab. Später gestand er doch noch, dass er die Pistole dort weggeworfen hatte. Daraufhin wurden alle Schüler der Schule zum Grund der Klippe gebracht und es wurde gesagt: „Wenn ihr die Pistole nicht wiederfindet, schließen wir die Schule“. Es dauerte zwei Tage bis wir sie fanden. Wir gaben sie zurück und die Schule wurde nicht geschlossen.
 Die Schule und das Wohnheim waren vollständig auf Hilfsgüter der US-Armee angewiesen. Es war eine schwierige Zeit, in der wir irgendwie dem Verhungern entkamen. Hauptsächlich aßen wir Dango-jiru, Wassersuppe mit Mehlklößen.

Anstellung nach dem Abschluss

 Der erste Jahrgang der Maebaru Highschool schloss im September 1946 ab. Ich gehörte zum zweiten Jahrgang und schloss ein halbes Jahr später, im März 1947 ab. Ich denke, ich war insgesamt nicht einmal ein ganzes Jahr an der Schule. Auf keinen Fall war es ein ganzes Jahr gewesen. Voraussetzung für die Aufnahmeprüfung zur Universität waren 12 Jahre Schulbesuch, deswegen konnte ich nicht zur Universität gehen. Allerdings gab es damals auch noch keine Universität in Okinawa und die Highschool war der höchstmöglichste Abschluss. Nachdem ich also die Highschool abgeschlossen hatte, wurde ich Lehrer für Grund- und Mittelschulen.
 Zu dieser Zeit gab es nur wenige männliche Lehrer und viele Lehrerinnen. Die Löhne waren damals sehr gering. Es war so um 1948, als wir endlich auch Militärwährung erhielten. Mit Militärwährung meine ich den „B-Yen“. Der Monatslohn betrug 220 Yen für einen Schullehrer, 400 Yen für einen Schulleiter und 800 bis 1000 Yen für einen Regierungsvertreter. Auf dem Schwarzmarkt wurden amerikanische Zigaretten gehandelt. Es gab die Lucky Strike mit dem Design ähnlich der japanischen Flagge. In einer Stange waren 10 Schachteln und kostete 300 Yen. Die Leute sagten damals: „Ein Lehrer arbeitet den ganzen Monat und ist trotzdem weniger wert als eine Stange Zigaretten“. Lehrer wurden für ihre Arbeit belächelt. Vor dem Krieg sagte man: „Ein Schüler darf nie vergessen, seinen Lehrer zu ehren“, und Lehrer wurden mit Respekt behandelt, In der Nachkriegszeit, als die Dinge knapp waren und andere Umstände herrschten, wurden Lehrer als „kleine Idioten“ bezeichnet. Das war eine sehr beschämende Zeit für uns Lehrer. Wenn man für das Militär oder irgendwo anders gearbeitet hat, bekam man das Drei- oder Vierfache an Gehalt. Deswegen gab es sehr wenige Lehrer.

Schiffsverkehr und der Schrottboom

 In den ersten 10 Jahren nach dem Krieg waren die Straßen noch in sehr schlechtem Zustand und es fuhren nur wenige Lastwagen. Aus diesem Grund blühte der Seetransport, mit Henza-jima im Zentrum der Industrie. Zu dieser Zeit gab es den sogenannten „Schrott Boom“. Aus gesunkenen Kriegsschiffen und verunglückten Panzern wurden Kupferdrähte, Eisenteile ausgebaut und verkauft. Dazu musste man sie allerdings erstmal finden. Suchmagnete um Eisen zu finden gab es noch nicht, darum tauchten wir ins Meer und suchten sie mit bloßem Auge. In Henza gab es einige Leute, die waren besser als alle anderen bei der Schrottsuche. Sie hatten damit angefangen ihn zu bergen und zu verkaufen und damit den Schrott-Boom ausgelöst. Einwohner aus Okinawa, die in den Philippinen oder in Thailand für die Fischerei gearbeitet hatten, kehrten nach dem Krieg zurück. Weil sie auf dem Meer gearbeitet hatten, kannten sie sich gut aus, konnten viel Schrott finden und haben gutes Geld verdient. Es gab aber sicherlich auch solche, die nichts fanden und Geld verloren. Der Boom hielt etwa drei Jahre an.
 Ich fing an bei einer Seetransportfirma zu arbeiten. So etwa 1946 oder 1947. Die Insel Amami-Oshima war damals noch nicht an Japan zurückgegeben. Es gibt zehn Inseln zwischen Kagoshima und Amami-Oshima, sie bildeten die Gemeinde Toshima. Auf Höhe der Insel Kuchinoshima und Nakanoshima verlief der 30. Breitengrad, der die Grenze bildete. Ich fuhr auf einem Schiff dorthin, das Kupferdraht aus Okinawa transportierte. Ich war nicht der Kapitän, sondern nur ein Büroangestellter. Dort in Kuchinoshima tauschten wir Waren aus. Wir verkauften den Kupferdraht und erwarben Holz- und Baumaterialien. In schlimmsten Fall könnte man es man es als Schmuggel bezeichnen, ich habe aber nie gehört, dass jemand vom Gesetz bestraft worden wäre. Die Ursache für den Schrott Boom war, der schlechte Zustand der Minen in Japan. Deshalb waren Metalle im ganzen Land Mangelware. Darum kauften sie den gesamten Eisenschrott und die Kupferdrähte, die wir mitbrachten. Dieser Handel bildete den Hintergrund für den Schrott Boom auf Okinawa. Das waren schwierige Zeiten und ich war mit dabei, damals am 30. Breitengrad in Kuchinoshima.

Die Probleme einer abgelegenen Insel

 Damals, direkt nach dem Krieg waren die Fähren, die zwischen den Inseln verkehrten sehr klein. Eine der Fähren zwischen Henza-jima und Yabuchi-jima kenterte. Von den neun Passagieren ertranken sieben. Einer meiner Lehrer war unter ihnen. Es gab jedes Jahr erneut Unfälle. Zum Beispiel kann man bei Ebbe zur gegenüberliegenden Küste nach Yakena laufen. Passt man dabei nicht auf, kann man leicht in Untiefen geraten und dann ertrinken. Das kam sehr häufig vor.
 Kinder gebären war auch so eine schwierige Angelegenheit, wenn eine Frau Komplikationen bei der Geburt hatte, mussten drei, vier Männer sie auf eine Holztrage legen und wenn das Wasser zu flach für ein Boot war, mit ihr bei Ebbe zum Festland rennen. Wenn alles glattgeht, ist es kein Problem, aber wenn es unterwegs Schwierigkeiten gab, konnte das Folgen für die Geburt haben. Im Fall einer plötzlichen Krankheit ebenso, man konnte sich nicht auf die Schiffe verlassen, weil sie bei Ebbe nicht auslaufen konnten. Weckte man einen Kapitän nachts, dauerte es 30 Minuten bis zu einer Stunde, bis das Schiff bereit zum auslaufen war. Setzte beim Transport auf der Trage während der Ebbe die Flut ein, hatte man ebenfalls ein Problem. Notfallpatienten konnten nur bei Ebbe transportiert werden, solche schweren Zeiten waren das. Diese Schwierigkeiten zu überwinden, war der Ausgangspunkt für die Konstruktion der Kaichudoro, die Straße über das Meer.

Meine Botschaft an die jungen Leute

 Wir leben in einer Zeit, die sich nur auf materielle Güter konzentriert. Die Menschen sind nicht mehr mit dem Herzen verbunden. Das gilt nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für die Beziehung zwischen Eltern, Kindern, Geschwistern und Freunden. Ich wünsche mir junge Leute deren Beziehungen zueinander auf gegenseitiges Vertrauen beruht und nicht auf materielle Werte. Für das gegenseitige Vertrauen ist es wichtig, den Charakter des Gegenüber zu respektieren. Jeder Mensch hat etwas zu bieten, was ich nicht habe. Lasst uns eine Gesellschaft bauen, in der sich alle gegenseitig respektieren.


 Herr Shokou Okudara war Lehrer an einer Grund- und Mittelschule und Mitglied des Dorfrats von Yonashiro. Er bekleidete außerdem mehrere Ämter für verschiedene Gruppen und Ausschüsse des Dorfes Yonashiro. Von 1974 diente er zwei Amtszeiten für acht Jahre als Bürgermeister des Dorfes Yonashiro. Im Jahr 2001 wurde für seine langjährigen Verdienste in der Kommunalverwaltung mit dem Orden der aufgehenden Sonne ausgezeichnet.